Ob nach dem Atomunfall in Fukushima, bei Berichten über mangelnde Hygiene in Krankenhäusern oder im Zuge von Epidemien wie Schweine- oder Vogelgrippe – wenn sich die Bevölkerung in ihrer Gesundheit bedroht sieht, ist eine Berufsgruppe erster Ansprechpartner: Die 2.800 Ärzte und Zahnärzte in den deutschen Gesundheitsämtern. Noch bis Samstag tagen die beiden Bundesverbände auf ihrem Jahreskongress in der Europahalle in Trier. Zum Auftakt der Veranstaltung demonstrierten rund 300 Mediziner aus dem öffentlichen Gesundheitsdienst auf dem Viehmarkt für eine Angleichung ihrer Gehälter an die ihrer Kollegen in den Krankenhäusern. Mit dabei war auch der Leiter des Trierer Gesundheitsamtes, Harald Michels.
Zumindest die echten dunklen Wolken sind bis zum Mittag über Trier verschwunden, so dass die Organisatoren die schwarzen Regenschirme erst gar nicht verteilen wollen an die Teilnehmer der Kundgebung auf dem Viehmarkt. Aber sie kommen trotzdem zum Einsatz, gegen die sprichwörtlichen dunklen Wolken, die sich über den Ärzten im öffentlichen Gesundheitsdienst zusammengezogen haben. "Wir arbeiten für Ihre Gesundheit – aber nicht für ein Gehalt 2. Klasse!" steht da in weißer Schrift geschrieben. Ganz in Weiß sind auch die Demonstranten gekleidet. Und so kommt auch in Wort und Bild das zum Ausdruck, wogegen die Teilnehmer der Kundgebung antreten: Gegen ein Schwarz und Weiß, ein Gut und Schlecht, direkt nebeneinander im deutschen Gesundheitswesen. Bis zu 1.500 Euro im Monat verdienen Ärzte im Gesundheitsamt weniger als ihre Kollegen in den Kliniken. Ein dramatischer Personalmangel ist die Folge.
"Die Gesundheitsämter bluten aus, weil keine Ärzte mehr bei uns arbeiten wollen. Wir lassen uns nicht länger als Mediziner zweiter Klasse behandeln", ruft Ute Teichert-Barthel, Vorsitzende des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte im öffentlichen Gesundheitsdienst (BVÖGD) den Demonstranten zu. Im vergangenen Jahr seien bei mehr als 200 Gesundheitsämtern in Deutschland 150 Facharztstellen über sechs Monate hinweg oder länger nicht besetzt gewesen. "Wenn der Staat die bevölkerungsmedizinische Gesundheitsversorgung aufrecht erhalten will, muss hier dringend etwas passieren", fordert Teichert-Barthel.
Dramatisch verschlechtert habe sich die Situation im öffentlichen Gesundheitsdienst mit der Ablösung des Bundesangestelltentarifes (BAT) durch den Tarifvertrag Öffentlicher Dienst (TVöD). Seitdem seien zahlreiche Einzeltarifverträge mit Kliniken geschlossen worden, so dass die Gehaltsschere immer weiter auseinanderklaffe. Da Ärzte im öffentlichen Gesundheitsdienst aufgrund der komplexen und vielseitigen Anforderungen eine mehrjährige Berufserfahrung im Krankenhaus vorweisen müssen, rekrutieren die Gesundheitsämter ihr Personal vornehmlich in den Kliniken. "Bei einem derartigen Gehaltsgefälle greifen sich die Krankenhausärzte doch an den Kopf. So werden wir keine qualifizierten Fachkräfte mehr gewinnen können", warnt Teichert-Barthel.
Weitere Gründe für den Personalmangel im öffentlichen Gesundheitsdienst sind der allgemeine Ärztemangel sowie die demographische Entwicklung in der Berufsgruppe. In den kommenden Jahren geht ein Großteil der Mediziner in den Ruhestand, die Zahl der Hochschulabsolventen aber stagniert. Angesichts des drohenden Ärztemangels insbesondere in den ländlichen Gebieten hat Rheinland-Pfalz einen Masterplan auf den Weg gebracht, um Mediziner zur Ansiedlung in der Region zu bewegen. Teichert-Barthel: "Solche Programme sind aus individualmedizinischer Sicht natürlich zu begrüßen, in den Gesundheitsämtern werden sie die Personalsituation aber noch verschärfen."
Trierer Gesundheitsamtschef warnt vor indirekten Folgen
Schon jetzt spüre man zum Beispiel auf dem Gebiet der Schutzimpfungen die negativen Auswirkungen des Personalmangels auf die Gesundheit der Bevölkerung: "Dort, wo wir Kinder aus sozial schwachen Familien nicht mehr erreichen, haben wir so schlechte Impfraten, dass Erkrankungen wie etwa Masern wieder häufiger auftreten. Wenn wir den öffentlichen Dienst runterfahren, müssen wir tolerieren, dass längst besiegt geglaubte Krankheiten auch bei uns wieder grassieren", meint Harald Michels vom Gesundheitsamt Trier und Mitglied des Vorstands des BVÖGD. Die medizinische Versorgung der Erkrankten und auftretende Spätfolgen würden viel höhere Kosten für die Gesellschaft verursachen als eine Angleichung der Gehälter im öffentlichen Dienst, so Michels.
Zur Durchsetzung ihrer Forderungen schließen die betroffenen Mediziner auch Streiks nicht aus. "Wir können uns vorstellen, uns mit den Krankenhausärzten zusammenzutun und gemeinsam mehr Druck zu machen. Erste Vorgespräche in diese Richtung gab es bereits", berichtet Michels. Zur Zeit laufen Tarifverhandlungen mit den kommunalen Arbeitgeberverbänden. Das bisher vorgelegte Angebot, eine regional ausgerichtete, freiwillige Zulage zahlen zu wollen, nennt Michels nicht akzeptabel.
Den Einwand, Kommunen wie etwa auch Trier könnten angesichts ihrer schlechten Haushaltslage nicht mehr Geld in den öffentlichen Gesundheitsdienst stecken, lässt der Gesundheitsamtschef nicht gelten. Untersuchungen würden belegen, dass Leistungen in den Bereichen Infektionsschutz, Hygiene oder Prävention zu einer 30 Jahre höheren Lebenserwartung geführt hätten, während der technische Fortschritt nur fünf Jahre gebracht habe. In Staaten ohne funktionierendes öffentliches Gesundheitswesen wie zum Beispiel in Osteuropa sei die Lebenserwartung viel geringer. "Irgendwann werden die Gesundheitsämter handlungsunfähig werden, und dann tut es den Kommunen weh."
Neben ihren Gehaltsforderungen und dem damit verbundenen Fachkräftemangel wollen sich die Ärzte im öffentlichen Gesundheitsdienst auf ihrer Jahrestagung vor allem mit der grenzübergreifenden Zusammenarbeit auseinandersetzen. Unter dem Motto "Die Welt wächst zusammen – Quo Vadis, Öffentlicher Gesundheitsdienst?" tagen bis Samstag etwa 700 Teilnehmer von Gesundheitsämtern und Experten aus dem Gesundheitswesen. Zu den Gastrednern gehören unter anderem die rheinland-pfälzische Sozialministerin Malu Dreyer, der Vizevorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Carl-Heinz Müller, sowie Luxemburgs Gesundheitsminister Mars di Bartolomeo.
Nach Angaben der Organisatoren ist der wissenschaftliche Kongress die einzige umfassende Veranstaltung in Deutschland, bei der alle Themenfelder des öffentlichen Gesundheitsdienstes mit aktuellen Themen präsentiert werden: von Umweltmedizin, über Kinder- und Jugendgesundheit, Prävention, Infektionsschutz bis hin zu Psychiatrie und Gutachtenwesen. Begleitet wird der Kongress durch Workshops, eine Vorführung durch die so genannte Dekontaminationseinheit der Akademie für Notfallplanung und Zivilschutz auf dem Viehmarkt und eine umfangreiche Industrieausstellung in der Europahalle.
Quelle: 16 vor - Nachrichten aus Trier